FM
Essay

Die Binnenräume der Menschen

Ganz selten nur ruft das Betrachten von Bildern die Erinnerung an einen Text wach. Im Fall von Franz Meillers neuen Fotoarbeiten jedoch geschieht es unmittelbar.

„Der Lebensraum, in dem ein Mensch wohnt, sich bewegt und orientiert, ist für andere Menschen wesentlich unsichtbar. Wir sehen zwar die Leute, wie sie durch die Städte laufen. Aber wir sehen nicht, wie sie eingeräumt sind. Wir sehen nicht, was den Menschen erschlossen und verschlossen ist, was Bedeutung hat und was nicht.“ (Franz-Xaver Baier)

Der Münchner Architekt und Autor, der sich mit den „inneren Geographien“ des Menschen beschäftigt hat, wäre Freund und Versteher dieser Bilder gewesen, weil sie sichtbar machen, was in der konventionellen Stadtfotografie unsichtbar bleibt: die Binnenräume der Menschen, ihre geistigen und seelischen Korridore, die innere Architektur ihrer Wahrnehmung.

Franz Meiller fotografiert in diesen Bildern keine Ansichten. Er fotografiert Wahrnehmungsräume. Was in einem Bild wie „Girl on moped“ auf den ersten Blick wie ein schneller Schnappschuss wirkt, entpuppt sich bei längerer Betrachtung als sorgfältig gebauter Wahrnehmungskorridor: Die Bewegungsunschärfe des Mopeds ist nicht Zufall, sondern Gestaltung.

Die Fotografien sind keine Dokumente. Sie sind Einladungen. Einladungen, den eigenen Wahrnehmungsraum zu betreten und die Frage zuzulassen, ob das, was wir sehen, tatsächlich das ist, was wir erkennen.

Meillers Blick ist dabei weder voyeuristisch noch distanziert. Er ist teilnehmend, aber nicht aufdringlich. Seine Bilder zeigen Menschen in ihren Bewegungen, ihren Pausen, ihren Momenten der Abwesenheit – und gerade darin zeigen sie die Anwesenheit einer Wahrnehmung, die über das bloße Sehen hinausgeht.

Malte Ubenauf, im Mai 2017

Malte Ubenauf