Fehlt eigentlich nur noch, dass er Liebesgedichte schreibt, denkt man sich. Würde in eine Erzählung von Thomas Mann passen: der sensible, künstlerisch begabte Sohn einer alteingesessenen Kaufmanns- respektive Unternehmerfamilie. Wäre doch ein schönes Klischee. Aber mit so etwas braucht man Franz Meiller nicht zu kommen.
Da ist erst mal gar nicht so leicht zu verstehen, wenn man weiß, dass Franz Meiller die fünfte Generation der Münchner Unternehmerfamilie Meiller darstellt, die immerhin europäischer Marktführer ist, was die Herstellung von Kipplastern und anderen Nutzfahrzeugen angeht. Sie macht damit einen Umsatz von rund 250 Millionen Euro und setzt 1500 Mitarbeiter in Lohn und Brot.
Dass sich so jemand mit dem Hintergrund einer 160-jährigen Firmentradition auskennt mit Kippstettschürzen, Abrollkippern, Absetzkippern und diversen einschlägigen Fahrzeugausstattungen, mag man gerne glauben. Größere Kompetenz in Theaterfragen oder bildnerischer Gestaltung würde man jedoch erst einmal nicht voraussetzen.
Meiller geht jetzt auf die 50 zu, und er sagt, inzwischen habe er die perfekte Balance gefunden, zwischen Unternehmertum und Künstlertum. Er lässt sich nicht gerne darüber aus, wie das früher gewesen ist. Klar, es sei nicht immer ganz einfach, diese beiden Seiten zu verbinden, sagt er.
Für eine richtige Karriere am Theater, meint er, war sein Talent dann doch nicht groß genug, und es wäre ja auch unvereinbar gewesen mit den anderen Verpflichtungen. Heute spielt er noch ab und zu in Filmen mit. Kleinere Rollen hat er immer wieder gespielt, und als er dann vor fünf Jahren seine heutige Lebensgefährtin kennenlernte, nahm er noch mal alles ganz anders.
Sie heißt Christiane Pohle und ist eine der angesehensten Theaterregisseurinnen des deutschsprachigen Raums. Durch sie war er bald zu Gast bei Inszenierungen von Christoph Marthaler oder Luk Perceval, durfte auch fotografieren, während der Proben.
So kam es, dass er schon bald umfangreiche Serien von Theaterfotografien beisammen hatte. „Ich will Fotos machen, die unmittelbar in der Szene sind, für sich selbst sprechen, die aber trotzdem den Schauspielern und der Inszenierung gerecht werden.“ Es freue ihn, sagt er, wenn es ihm mit seinen Bildern gelinge, weitere, nachhaltige Aspekte der Inszenierung aufzuzeigen und Emotionen auszulösen. Es interessiert ihn nicht, neben der Bühne zu stehen und etwas abzubilden, was der Zuschauer ohnehin sehen kann.
Hinter dem, was man ohnehin sieht, noch eine weitere Ebene entdecken und im Foto sichtbar machen: Es freut ihn unbändig, wenn ihm das gelingt. Da funkeln seine Augen noch beim Erzählen, so etwas weckt seine Neugierde, und die ist groß.
Den Geschäftsbereich „Kreativität“, wenn man so will, möchte Meiller auf alle Fälle weiter ausbauen. Gerade eben hat er eine Fotoserie für das neue Buch „Heimat-Food“ seines Freundes, des Münchner Gourmetkochs Karl Ederer, fertiggestellt. Und im Herbst hat dann das Theaterstück „Spieler“ Premiere, das Christiane Pohle für das Theater Basel und das Münchner Pathos-Transport-Theater inszeniert und das er als Produzent betreut. Danach steht er dann in einem neuen Daniel-Krauss-Film wieder vor der Kamera, diesmal am Wörther See. Eigentlich doch ganz schön viel Arbeit für einen Halbtagsjob als Künstler. Von Franz Kotteder.
